Ground Zero Kiew

Olya sitzt am Ground Zero der ukrainischen Revolution und tut, was freiheitsliebende Menschen eigentlich tun sollten. Ein Interview.

Vorbemerkung des Übersetzers: Der einleitende Text trifft mit kleinen inhaltlichen Abweichungen auch auf die deutsche libertäre Szene zu, die sich bemerkenswert hartnäckig weigert, Fakten zur Kenntnis zu nehmen, die der bereits vorgefassten Meinung widersprechen. Zum Beispiel, dass es von Estland bis in die Ukraine freiheitlich gesinnte Menschen gibt, die ihre Freiheit direkt durch den Kreml bedroht wissen. 


Für amerikanische Libertäre ist Europa ein fernes Land voller Burgen und fauler Sozialisten, die den ganzen Tag Wein trinken und über Agrarsubventionen streiten. Das betrifft aber nur Frankreich — und dort nicht einmal den größten Teil.

Europa ist ein hochkomplexes historisches Durcheinander, in dem hunderte Parteien um die Aufmerksamkeit in proportionalen Wahlsystemen konkurrieren, wo es normal ist, dass Menschen drei Sprachen sprechen und wo jedermann einen über tausend Jahre alten Anspruch auf fremdes Staatsgebiet erheben kann. Deshalb ist die Analyse der Krise in der Ukraine aus den USA so schwach, auf Märchen, Übervereinfachungen, Prinzipienreiterei und zynischen Wahlkampferwägungen begründet.

Da wird angenommen, was für die USA gilt, sei irgendwie magisch auf ganz andere Kontinente übertragbar, die die meisten Amerikaner nie besuchen werden. Der harte Kern sagt gar, die USA sollten ihre NATO-Verpflichtungen vergessen und damit destabilisieren, was ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich stabilisiert wurde.

Um Euch einen besseren Blick zu ermöglichen, habe ich Olya interviewt, eine junge Ukrainerin, die will, was alle normalen jungen Leute wollen: Freiheit. Sie will reisen, etwas erschaffen und die Welt erleben. Wäre sie ein paar hundert Kilometer weiter westlich geboren, hätte sie bereits einen EU-Pass und die Freiheit, überall auf dem faszinierendsten Kontinent der Welt zu leben; die Freiheit, ohne großen Aufwand nach Afrika, Amerika oder Asien zu reisen. Wäre Sie in Vilnius statt Kiew geboren, könnte sie bis nach Portugal fahren, ohne einmal ihren Pass zeigen zu müssen.

Ich dagegen kam vor zehn Jahren aus London nach Litauen und baute mir ein Unternehmen auf. Bürokraten konnten mich nicht aufhalten, sie mussten mir helfen. Ich kann auch für den Stadtrat kandidieren. Olya: eher weniger.

Während Amerikaner sich über eine „unterdrückerische“ Regierung beklagen, sitzt Olya am Ground Zero der ukrainischen Revolution und liest den Dreck, den Amerikaner über ihr Land schreiben, sorgt sich um ihre Freunde, organisiert Essen für Demonstranten und tut all die Dinge die freiheitliche Menschen eigentlich tun sollten. Es machte mich ein wenig traurig, zu lesen, das so viele Menschen ihr Land „faschistisch“ nennen, weil sie für ihre Grundfreiheiten kämpfen. Also beschloss ich, sie zu interviewen: Olya, eine normale Person, die nur will, dass die ganzen Regierungen sie ihr Leben leben lassen.

Ich traf Olya und ihren Freund im letzten Sommer. Sie planten, nach Vilnius zu ziehen, in die schöne Hauptstadt Litauens, EU- und NATO-Mitglied seit 2004. Wie ich sehen sie Litauens Potential als kreatives Zentrum. Niemand ahnte, dass eine Revolution ihre Pläne über den Haufen werfen würde.

Während sich die Krise in der Ukraine entfaltete, hielt ich Kontakt zu Olya, um zu erfahren, was junge, westlich orientierte Menschen in Kiew sehen. Kürzlich, vor allem nach den Unterstellungen, es gebe ein NATO / Nazi-Bündnis, beschloss ich sie zu fragen, was sie mit ihren eigenen Augen sieht.


Wann hast Du dich das erste Mal an den Maidan-Protesten beteiligt?

Am 21. November. Ich ging nach der Arbeit hin.

Wie war die Stimmung dort?

Ich erinnere mich an 300-500 Leute. Zu der Zeit hofften alle auf eine Unterzeichnung des EU-Abkommens, es schien so als wenn es die Regierung beeinflussen würde (Wie sich unsere Ansichten seitdem geändert haben!). Aber die Menschen wollten keine direkten Aktionen, sondern demonstrieren. Einfach durch die Tatsache ihrer Anwesenheit.

Warum wurde es gewalttätig?

Wenn du die Nacht auf den 30. November meinst, dann muss ich sagen, jeder glaubte das es eine Provokation war. Eine geplante Provokation. So gut wie alle sagten damals, es sei eine Revolution von Studenten, aber ich widerspreche dem vehement. In Wahrheit waren dort viele verschiedene jüngere und ältere Leute. Aber nach dieser Nacht, in der viele Menschen geschlagen wurden, rebellierte die Stadt.

Wo warst Du, als die Gewalt ausbrach?

In dieser Nacht war ich zuhause und erfuhr aus den Sozialen Netzwerken davon. Am nächsten Tag war ich auf der Bankova-Straße. Seitdem war ich nicht mehr an den Hotspots, denke ich. Als es Mitte Januar auf der Hrushevskogo-Straße [Schauplatz schwerer Auseinandersetzungen; d. Red.] ausbrach, war ich mit meinem Freund unterwegs. Ich werde nie vergessen, wie oft wir Facebook checkten, schweigend im Café saßen und die Nachrichten lasen. Am 18. und 19. Februar saß ich vor dem Monitor, checkte die Sozialen Netzwerke und sah zwei live Übertragungen gleichzeitig. Ich konnte nicht auf den Maidan, denn ich dachte dass ich dann von allen Nachrichten abgeschnitten wäre. Es war schwer dort zu sein und nicht zu wissen, was woanders geschah. Ich brauche immer einen Überblick, was geschieht. Und mein Freund erlaubte mir in diesen Tagen nicht, auf den Maidan zu gehen. Aber ich wollte helfen, also fand ich mich im Koordinatoren-Team wieder. Ich half ihnen, den Maidan mit Essen, Medikamenten und Kleidung zu versorgen.

Welche Anzeichen für künstliche Provokationen aller Seiten hast Du gesehen?

Nun, ich habe einige Artikel darüber gelesen und auch Videos. Ich habe auch die Kugeln gesehen, es gibt Bilder im Internet. Ich habe viele Fotos von Titushkas [Bezahlte Schläger im Dienst der Janukowitsch-Regierung; d. Red.] gesehen, die wie Maidaner angezogen waren. Also überrascht mich nichts mehr. Man kann alles kaufen.

Wieviel Prozent der gewalttätigen Leute waren Neonazis?

Gewalttätige Leute auf welcher Seite? Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, ich habe noch nie in meinem Leben einen Neonazi gesehen.

Wie reagieren deine Freunde?

Meine Freunde sind sehr aktiv. Sie verbringen eine Menge Zeit damit, dem Maiden zu helfen wo sie können. Zuerst wollten einige meiner Freunde nicht zum Maidan gehen. Sie glaubten nicht, dass es irgendwohin führen würde, sie sagten es sei zwecklos. Aber langsam, durch die Ereignisse, stellten sie sicher, dass die Ukrainer nicht aufgeben, bis wir unsere Ziele erreicht haben. Das weckte Selbstvertrauen und durchbrach die Vorurteile über unser Volk. Immer mehr meiner Freunde beteiligten sich an der Konfrontation. Ich war stolz. Es ging nicht mehr um die EU, es ging gegen die Regierung, es war für die Ukraine!

Wie reagierte die Öffentlichkeit?

Ich bin sicher, manche Menschen wussten monatelang nicht, dass im Land etwas geschah. Sicher, Aktivisten, zündeten in der Nacht Autos an, aber sonst war alles wie immer. Ich war damit konfrontiert, dass die Leute fernsehen, und zwar russische Stationen. Mir war klar, dass das man das nicht tun sollte, denn alles was gesagt wurde, war eine Lüge. Viele unserer Bürger glauben blind, was Russland erzählt und das ist sehr traurig. Ich schickte Informationen, denen ich trauen konnte, an meine Mutter. Und ich drängte sie, am Tag als die Schießerei begann die Arbeit zu verlassen (sie hat ein Büro am Maidan). Ich habe immer versucht die Informationen zu filtern und mich nicht mit den Meinungen anderer aufzuhalten, die mir unschlüssig oder verdächtig vorkamen. Ich glaube, so habe ich Enttäuschung über diese Revolution vermeiden können, denn ich suchte nicht nach Idolen oder Führern oder nach etwas an das ich glauben kann. Ich wollte, dass das Land sich erhebt und daran glaubt. Das ist geschehen. Das ist meine Meinung über die Regierung heute. Aber ich versuche keine Schlüsse zu ziehen. Ich will nicht urteilen. Ich bin eher der Typ Beobachter.

Machst Du Dir Sorgen, Neonazis könnten die Macht über die Ukraine erlangen?

Natürlich nicht.

Warum wollt ihr nicht der Russischen Föderation beitreten?

Nein. Niemals! Weil wir Ukrainer sind. Wir sind kein Russisches Eigentum, keine Brüder oder irgend ein anderes Produkt ihrer (oder Putins) Phantasie.

Aber Du weisst, die Fotos des Rechten Sektors sehen nicht gerade freundlich aus. Da gibt es White Power Symbole. Glaubst Du, das sind alles Provokateure?

Der Rechte Sektor ist pro-ukrainisch und sie sind keine Feinde. Für viele Leute scheinen sie zur Zeit die einzigen Nicht-Feinde unter all den politischen und nichtpolitischen Blöcken zu sein. Zur Zeit scheinen sie die einzige Bedrohung für die Übergangsregierung und für Russland zu ein, deshalb gibt es viele Provokationen um ihr Ansehen zu beflecken. Anderseits denke ich, dass Svoboda zur Zeit nicht wirklich freundlich ist. Sie haben einiges getan, um das Vertrauen der Menschen zu zerstören. Und es gibt die Meinung, dass sie mit der Regierung unter einer Decke stecken oder mit Leuten die der Ukraine schaden wollen. Aber sie können mit dem was sie tun nicht überzeugen. Immer weniger Menschen glauben ihnen. Svoboda haben sich wie Idioten benommen und das wissen sie. Also … die Frage ist: Was können sie tun? Wenn Sie völlig dumm sind, wird es einige Provokationen geben.

Nationalismus macht den Menschen im Westen große Angst.

Die Leute im Westen sollten den Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus verstehen. Nationalismus ist ein ideologischer Glauben, Politik deren Ausrichtung auf Loyalität und Hingabe zur Nation basiert. Patriotismus ist ein gemeinschaftliches Gefühl der Liebe und Loyalität zu einem Land.  Und Nazismus ist auch eine Ideologie. Er kommt aus dem Nationalsozialismus des dritten Reichs. Svoboda sind Nationalisten. Der Rechte Sektor ist eine politische Partei, die verschiedene radikale und ultra-rechte Gruppen vereinigt. Sie nennen sich nationalistisch. Aber intelligente Menschen haben keine Angst vor ihnen, egal was ihre politischen Ansichten sind. Der Rechte Sektor waren die einzigen, die begannen, die Menschen auf dem Maidan zu verteidigen. Ich meine damit ihre Fähigkeit, radikal zu handeln (was von ihren nationalen und ultra-rechtem Ansichten kommt) ermöglichte es ihnen zurückzuschlagen. Zu dieser Zeit gab es keine anderen  Motive, als das Land zu verteidigen. Niemand kann sagen, wie zuverlässig sie sind und ob wir ihnen trauen können. Es gab einige Provokationen, um die Menschen gegen sie aufzubringen. Um die Menschen zu verängstigen. Glaubst Du nicht, dass die wirklichen Nazis Putin und seine Regierung sind?

Also denkst Du nicht, dass die Ultra-Rechte eine Mehrheitsregierung stellen wird?

Nein, das denke ich nicht. Die Menschen werden das nicht erlauben. Daran muss man keinen Gedanken verschwenden.

Dasselbe in Litauen. Sie bekommen eine Menge Aufmerksamkeit und erhalten dann nur 0,9% der Stimmen. Gibt es Pro-Putin-Plakate, Nachrichten, falsche Facebook-Gruppen, und Informationskriege?

Nein, es gibt keine Poster. Wusstest Du, dass der größte TV- und Internet-Anbieter russische TV-Kanäle abgeschaltet hat? Es gibt einen Informationskrieg im Fernsehen.

Ja, Litauen hat auch immer noch russische Propaganda-Stationen. Übrigens auch Amerika.

Aber intelligente Menschen verstehen das alles. Sie schauen nur pro-ukrainische oder unabhängige Kanäle.

Aber Litauen hat Provokationen wie das Referendum, den Landverkauf an Ausländer zu verbieten, Anti-Erdgas-„Umweltschützer“, Impfgegner. Diese Gruppen stiften nur Unruhe und scheinen von russischen Interessen gefördert zu werden. Viele Litauer glauben es.

Dasselbe bei Ukrainern. Arme Ukrainer. Und das ist die Mehrheit der Bevölkerung.

Ich fragte nach ethnischen Verwerfungen, besonders zwischen jungen Menschen, besonders die Kampagne „gib deine Vagina keinem Russen“. Hasst Ihr jetzt Russen und wollt keine gemeinsamen Kinder mit ihnen? Es gibt als ethnischen Hass?

Ich denke, viele Menschen hassen jetzt Russen. Aber viele versuchen auch, ruhig zu bleiben. Sie verstehen, dass solche Gefühle das Ergebnis der Propaganda sind.

Hast Du „ethnisch russische“ Freunde?

Ja. Ich hatte einigen Streit mit einem von ihnen. Er war überzeugt, dass ich auf ihn schieße, wenn ich ihn sehe. Ich weiss nicht wirklich warum. Andere sind normal. Sie unterstützen die Ukraine. Sie versuchen die richtigen Informationen über das was geschieht zu verbreiten.

Hat dein paranoider Freund Janukowitsch unterstützt?

Nein. Ich glaube er war ein Opfer der Propaganda.

Warum wolltest Du in die EU ziehen, bevor das alles begann?

Seit ich ein Kind war, habe ich mich als eine freie Person verstanden, die leben kann, wo immer sie will. Als ich aufwuchs, verstand ich, dass das nicht stimmt und dass die Welt zu solchen Träumern nicht freundlich ist. Ich will in vielen Ländern leben, sie kennen lernen und erkunden. Ich denke, das ist normal. Ich will die Ukraine nicht verlassen, weil ich sie nicht mag. Ich liebe sie. Ich will nur frei sein, zu entscheiden wo ich lebe. Meine Verwandten leben in den USA, Israel, Russland und anderswo.

Was zieht Dich an der EU und  Vilnius so an?

Ich mochte immer, wie das Wort Vilnius klingt und wollte es besuchen. Und ich habe mich in die Altstadt verliebt. Wie mein Freund auch. Und ich weiss, dass nach Litauen zu ziehen nicht sehr sehr schwer ist, also könnte es meine nächste Station sein, um mir die Welt zu eröffnen. Ich denke, das kann eine großartige Erfahrung werden.

Danke Olja. Und viel Glück.


Zuerst erschienen unter dem Titel Ground Zero: Kiev auf The Libertarian Republic

Titelbild von Evgeny Feldman [CC-BY-SA-3.0],via Wikimedia

Übersetzung: Daniel Fallenstein

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