Mr. Liberty

Der Autor und Aktivist Tom G. Palmer im Interview über den Kampf für die Freiheit, ideologische Reinheit und das Schlafen auf Flughäfen.

Bei der ESFLC (European Students for Liberty Conference) in Berlin traf sich eine internationale Freiheitsbewegung, die im besten Sinne des Wortes unpolitisch ist. Unpolitisch, weil sie Menschen in den Mittelpunkt stellt — nicht die Macht.

Tom G. Palmer hält die Abschlussrede. Er erklärt, warum es dem hier vertretenen Liberalismus nicht um Zahlen geht, sondern um Menschen. Warum Kunst, Liebe, Kreativität die besten Argumente für Freiheit sind. Warum Effizienz und Wirtschaftlichkeit höchstens Hilfskonstruktionen sein können. Ein quirliger, entschlossener Kerl, der es sich sich zur Aufgabe gemacht hat, die neue internationale liberale Bewegung nach Kräften zu fördern, indem er bei Konferenzen wie dieser spricht und Bücher mit den ideellen Grundlagen eines konsequenten Liberalismus (gerne auch: Libertarismus) in die Hände möglichst vieler Leser bringt.

Für freies.org habe ich ihn nach der ESFLC zum Interview gebeten.


freies.org: Tom, Sie reisen die letzten Jahre um die Welt. Was sind, Ihrer Erfahrung nach, die drei dringendsten Anliegen der Liberalen auf der ganzen Welt?

Tom G. Palmer: Weltweit muss Frieden offensichtlich das wichtigste Thema sein. Wie James Madison warnte: «Von allen Feinden der Freiheit ist der Krieg vielleicht der Größte, den es zu fürchten gilt, weil er den Keim jedes Anderen [bereits] beinhaltet und ihn entfaltet.» Ob man es glaubt oder nicht, in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten ist die Zahl der Kriege gesunken; und das vor Allem aufgrund des Einflusses liberaler Ideen und Politik wie Freihandel, Freizügigkeit und grenzüberschreitende Investitionen. Das sind gute Nachrichten, doch Krieg bleibt immer noch eine ernsthafte Bedrohung für die Freiheit.
Das Zweite, würde ich sagen, ist die Informationspolitik und zwar wie Regierungen versuchen, uns Informationen vorzuenthalten und gleichzeitig oft entgegen eindeutigen verfassungsmäßigen Beschränkungen, so viele Informationen wie möglich durch Spionage zu sammeln.
Und das Dritte? Das ist wirklich schwierig. Ich würde sagen, das Dritte variiert von Land zu Land, ob es nun die Überwindung religiös motivierter Gewalt in einem Land ist, oder die Einrichtung eindeutig definierter, rechtlich sicherer und übertragbarer Eigentumsrechte in einem Anderen. Die Welt ist groß mit vielen verschiedenen lokalen Bedingungen, die Liberale bestrebt sind zu verändern.

Students for Liberty nimmt im Moment eine Menge Ihrer Zeit in Anspruch. Sie sind nach dieser Konferenz hier in Berlin direkt nach Abidjan geflogen, um bei der African Students for Liberty Conference zu reden. Warum ist es Ihnen das alles wert?

Students for Liberty ist mir sehr wichtig. Ich unterstütze sie finanziell mit meinen eigenen Mitteln und wende eine Menge Zeit auf, um dieser Organisation zu helfen. Ich schätze es, dass sie von jungen Menschen für junge Menschen organisiert wird. Es ist nicht die Jugendorganisation irgendeiner angeblichen «Erwachsenenorganisation». Sie macht tolle Unternehmungen um die Bewegung insgesamt aufzufrischen. Nach dieser anregenden Veranstaltung in Berlin habe ich wirklich großartige liberale Führungspersönlichkeiten in der Elfenbeinküste getroffen – eindrucksvoll, zielgerichtet, klug und sehr engagiert. Es war sehr gut, einen Students for Liberty-Repräsentanten aus Nigeria, Emeka Ezeugo, zu treffen, um mit den ivorischen Studenten zu arbeiten. Wir haben eine ausgeprägte internationale Bewegung und es ist fantastisch zu erleben, wie unsere Freunde über Grenzen, Sprachen und alle anderen Hindernisse hinweg für unsere gemeinsamen Ziele kämpfen. Von der Elfenbeinküste ausgehend bin ich dann zu einer Organisationsveranstaltung für die Students for Liberty im Libanon gegangen. Dort traf ich Studenten aller relevanten Gruppen und Sektionen des Landes, alle vereint durch eine Vision der friedlichen Koexistenz in Frieden und Freiheit. Ebenfalls waren dort Studenten von außerhalb, wie Aleksandar Kokotovic aus Serbien, Vorsitzender der European Students for Liberty, und Sara Labib, die Aktivistin bei den European Students for Liberty in Belgien war und nun als Anwältin in Ägypten arbeitet.

Es ist schwer zu beschreiben, wie stolz und dankbar ich bin, wenn ich so fokussierte und intelligente champions of liberty sehe, die die Werte verbreiten, die ich mein ganzes Leben lang verbreitet habe. Also nehme ich Last-Minute Flüge in der Nacht und versuche vergeblich auf Flughafenböden zu schlafen um dort anzukommen, wo ich glaube, dass ich helfen kann. Ich habe dabei leider einige wirkliche schreckliche Erfahrungen gemacht, mit fürchterlichen Erkrankungen, Insektenstichen, Explosionen und problematischen Erlebnissen an einigen ziemlich gefährlichen Orten; aber ich habe sie nie bereut. Manchmal, wenn ich mich nach einer langen Reise in meinem Bett wiederfinde, fühle ich mich tatsächlich etwas erschöpft. 2012 flog ich in einem im Monat zweimal um die Welt und als ich mich auf mein eigenes Bett setzte, war ich noch in Reisekleidung wie weggetreten – 17 Stunden später wachte ich auf, weil meine Katzen über mein Gesicht liefen. Aber das war es wert, weil ich dabei geholfen habe neue Think-Tanks und Studentennetzwerke auf vier Kontinenten zu gründen.

«Wichtig sind die Grundsätze, nicht die Politiker, die sie in die Praxis bringen.»

Bei der European Students for Liberty Conference fällt mir auf, dass politische Parteien praktisch gar keine Rolle in dieser Bewegung spielen. Ist das eine gute Sache?

Ich denke, ja. Ich bin nicht gegen politisches Engagement per se. Tatsächlich ist es in vielen Situationen sogar erforderlich. Ungerechte Gesetze widerrufen sich nicht von selbst. Abgeordnete schlagen vor, sie abzuschaffen, arbeiten darauf hin und verabschieden Gesetze, um Hindernisse für Freiheit abbauen oder Institutionen der Freiheit einrichten — wie sichere Eigentumsrechte, effiziente und zuverlässige Gerichte und einiges mehr. Und diese Abgeordneten müssen gewählt werden. Wichtig sind die Grundsätze, nicht die Politiker, die sie in die Praxis bringen.

Wir sehen, dass auch die, die sich für ein Amt beworben haben um Freiheit zu erreichen, dass diese das Amt als Selbstzweck sehen und sich von ihren Grundsätzen bzw. Idealen verabschieden, wenn sie einmal im Amt sind. Das passiert so oft, dass es niemanden mehr überraschen sollte. Also sollten Personen oder Gruppen sich auf die Grundsätze und Inhalte konzentrieren, nicht auf die Politik.

Ist Politik nicht sowieso überbewertet?

Viele Leute werden von der Politik angezogen, weil es eine Form von Sport ist. Das führt sie ein. Und das ist ein Weg, um manche von ihnen zum Nachdenken über Freiheit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, etc. zu bringen. Politik ist also auch eine günstige Möglichkeit, um Leute zu finden, die schon einmal über die Dinge nachdenken, manchmal… ein bisschen wenigstens. Ich mache niemanden schlecht, der sich in Wahlen engagiert. Das ist ein wichtiger Faktor, um die Freiheit voranzubringen. Ich glaube nicht, dass es der wichtigste Faktor ist, aber ich tue ihn nicht als unwichtigen Punkt ab.

Du kannst dich dazu entscheiden unpolitisch zu sein, aber das bedeutet nicht, dass die Politiker, Bürokraten und Generäle dich ignorieren werden, wenn sie dich zu irgendetwas zwingen wollen.

Erzählen Sie uns, wie Sie in diese liberale Bewegung hinein gekommen sind.

Ich begann während des spanischen Erbfolgekriegs mich mit klassischen Liberalismus auseinanderzusetzen – nur ein Scherz! Das Ganze geht in meine Jugendzeit zurück. Ich beschrieb in einem Essay mit dem Titel «Working for Liberty», wie ich in meinem Leben für Freiheit werbe, das ist in der opulent erweiterten zweiten Ausgabe von meinem Buch „Realizing Freedom“ nachzulesen. Sie müssen sich auf jeden Fall eine Ausgabe bestellen. Das war eine Rede, die ich bei einem Alumni-Treffen der Praktikanten vom Cato Institute hielt. Ich war unter den ersten drei Praktikanten bei Cato im Sommer 1978, als es noch seinen Hauptsitz in San Francisco hatte. Ich kannte alle Gründer des Cato, bevor es überhaupt gegründet wurde und war sehr involviert bei Cato und den anderen Organisationen, die zu der Zeit aktiv waren. Davor arbeitete ich mit der Libertarian Party, Studentengruppen und anderen zusammen. Ich wurde ein richtiger Liberaler durch mein Engagement bei der Foundation for Economic Education, als ich Bücher von Bastiat, Mises und anderen las. Aus verschiedenen Gründen war ich schon sehr früh unabhängig und musste herausfinden, was ich mit meinem Leben anstellen und was ich über die Welt denken sollte. Ich erinnere mich, ich war als Jugendlicher auf einem libertären Treffen und sagte «Irgendjemand müsste X tun» und merkte, dass dieser «Jemand» ich sein würde. Ich verstand, dass wenn ich nicht aufstehe und alles in meiner Macht stehende für die Freiheit tue, dann wird kein anderer es machen. Also habe ich jeden miesen Job in der Bewegung gemacht und habe mich nie «zu gut» für etwas gefühlt, von dem ich dachte, es müsste erledigt werden. Und zur selben Zeit verfolgte ich meine Interessen in den Fundamenten, Anwendungen und der Geschichte liberalen Denkens, machte meinen Weg durch einige College-Abschlüsse, schrieb, redete und debattierte eine Menge und versuchte bei der Verbreitung der Freiheit in jeder Weise etwas beizutragen.

Man könnte nun fragen, welche Denker den größten Einfluss auf Sie gehabt haben, aber ich möchte es umdrehen. Welche drei Denker sind ihrer Meinung nach die größte Bedrohung für die Freiheit und warum?

Das ist wirklich einfacher! Ich bin überzeugt, dass der wahrscheinlich einflussreichste politische Denker des letzten Jahrhunderts jemand ist, dessen Name kein Alltagsbegriff ist und der nicht häufig zitiert wird, weil seine Reputation eher gefährlich ist. Dieser Denker ist Carl Schmitt, der führende juristische Denker des dritten Reiches. Ich habe ein ausführliches Essay zur Philosophie der Freiheit vs. der Philosophie des Konfliktes in meinem nächsten Buch und ich behandle in diesem Essay Schmitts antiliberales Denken und sein Erbe. Sie werden für den ganzen Inhalt dieses Themas bis August oder September warten müssen, wenn das Buch veröffentlicht wird, aber seine Ideen sind eine bedeutende Herausforderung für die Freiheit und haben einen tiefgreifenden Einfluss auf die antiliberale Linke und die antiliberale Rechte. Eine andere akute Bedrohung kommt nicht von Vordenkern, sondern aus einem System heraus und der daraus resultierenden Einstellung. Dieses System ist der «crony capitalism» [Klüngelkapitalismus oder Korporatismus; d. Red.]. Seine inhärente Einstellung ist, dass es böse sei, wenn jemand anderes durch Produktion und Tausch wohlhabender wird, als man selbst, aber es okay für Politiker sei, Macht über andere auszuüben, was zwangsläufig bedeutet, dass die mit der Macht sich selbst und ihre Freunde am System bereichern. Also bekommen wir die eine oder andere Form von «cronyism», ob wir es «Korporatismus», «crony capitalism», «capitalismo clienteliste», «capitalisme de copinage» usw. auf der einen Seite nennen oder «crony socialism» auf der Anderen. Der wirkliche Feind ist also nicht so sehr die sozialistische Ideologie, sondern der «cronyism», den die sozialistische oder etatistische Ideologie in der Praxis erzeugen.

«Ich habe einen enormen Respekt vor meinen muslimischen liberalen Freunden für ihren Mut, ihre Rechtschaffenheit und ihre Standhaftigkeit.»

Und im Gegensatz zu den großen Intellektuellen, die jeder kennt: Sie kennen bestimmte eine Menge unbekannter Helden der Freiheit in unserer Zeit. Wem sollten wir mehr Aufmerksamkeit schenken, gerade jetzt?

Hm, einige unbekannte Helden sind persönlich bedeutsam für mich oder Sie aufgrund dessen, wie sie uns inspiriert oder geholfen haben, für andere sind sie es vielleicht nicht. Ich kann auf eine Menge Leute zurückblicken, die mich inspiriert oder mir geholfen haben, aber ihr Einfluss ist gänzlich persönlich. Das wird wahrscheinlich bei jedem der Fall sein. Denken wir an eine Gruppe von Menschen, die in schwierigen Klimata arbeiten; die verdienen einen speziellen Respekt. Jene, die die Courage haben für Religionsfreiheit und Toleranz in theokratischen Staaten oder für die Rechte von unpopulären Minderheiten, ob ethnische, religiöse, sprachliche oder andere einzutreten und Ächtung oder sogar Gewalt oder Tod zu befürchten haben. Diesen Menschen gebührt wirklich mein Respekt. Ich habe einige gekannt, die wirklichen einen schrecklichen Preis für ihr Einstehen bezahlen mussten. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: In dem größten Teil der muslimischen Welt gibt es einen großen Kampf zwischen denen die an Freiheit und Toleranz glauben und denen, die Religion dazu missbrauchen, um sich selbst oder ihre Führer dazu zu ermächtigen, andere zu unterdrücken. Ich habe einen enormen Respekt vor meinen muslimischen liberalen Freunden für ihren Mut, ihre Rechtschaffenheit und ihre Standhaftigkeit. Ich respektiere die, die sich für die am meisten Unterdrückten einsetzen, für die Flüchtlinge aus Nordkorea, die alles riskieren, um schlicht menschliche Freiheit und Würde zu erfahren. Jedes Mal, wenn ich mich erschöpft oder niedergeschlagen fühle und ich denke, dass ich die nächste Herausforderung nicht angehen kann, denke ich an diese Menschen und ich sehe, ich kann mehr erreichen, als ich je erwartet hätte.

Welche Bedeutung hat die Kultur für den Liberalismus?

Sie stellen wirklich harte Fragen! Also «Kultur» ist eines dieser Wörter, das oft benutzt wird, wenn man keine andere Erklärung für etwas hat. Es kann alles bedeuten — oder gar nichts. Wenn Sie nicht erklären können, wieso die Wirtschaft des einen Landes schneller wächst als die Andere dann sagen Sie beispielsweise es ist die «Kultur». Ich will versuchen, es besser zu beschreiben. Ihre Frage ist ziemlich offen gestellt, also werde ich sie in drei Teilen behandeln. Erstens, es gibt «kulturelle Einflüsse» im Unterschied zu, sagen wir, «ökonomischen Einflüssen». Diese «kulturellen Einflüsse» sind sehr wichtig für die Freiheit. Sie beeinflussen die Rechte zur Versammlungsfreiheit, zur Religionsfreiheit, zu lieben und zu heiraten außerhalb religiöser, sozialer oder geschlechtlicher Erwartungen oder denen einer Kaste und zum künstlerischen Ausdruck, der für andere anzüglich sein könnte. Die libertäre Bewegung entsprang zum großen Teil aus der Bewegung zur Religionsfreiheit und wir sollten das nicht vergessen. Zweitens, es gibt, wie wir sie nennen können, kulturelle Werte, die günstig für die Freiheit sind und die wir über die Zeit erlernt haben. Steven Pinker hatte einige von ihnen in seinem bedeutenden Buch The Better Angels of Our Nature angesprochen, welches die Abnahme von Gewalt in der Geschichte behandelt und erklärt, wie dieses möglich wurde. Ein Element war der Austausch von Kulturen der Würde mit den Kulturen der Ehre. Die letzten sind diejenigen, die dazu tendieren, Gewalt als Antwort auf die Verletzung irgendjemandes Ehre zu rechtfertigen. Drittens, Kultur wird manchmal dafür benutzt, wenn man sich auf die künstlerischen Ausdrücke des menschlichen Geistes in Liedern, Lyrik, Bildhauerei, Tanz und Anderem bezieht. Ideen und Normen werden nicht nur in großen Büchern oder auch Blog-Einträgen überbracht, sondern oft viel einflussreicher in Geschichten, Liedern, Dramen, Komödien und ebenfalls Architektur und Bildhauerei. Kultur, wie sie in diesem Fall aufgefasst wird, ist für die Förderung von Freiheit äußerst wichtig.

Die größte Herausforderung der globalen libertären Bewegung im Moment ist…

Die Förderung eines rationalen, aktiven, intelligenten und robusten Liberalismus, der nicht zu einer Sekte mutiert, der nur das Fortbestehen der Bewegung wichtig ist, sondern die Vorzüge der Freiheit betont. Was ich damit meine, ist, dass wir unsere Augen auf Ziele richten sollten, um Menschen von Zwang, Gewalt, Unterdrückung und Tyrannei zu befreien und nicht lediglich auf die Fortführung einer intellektuellen Tradition. Das Letzte ist das Mittel zum Ersten. Ich bin immer beunruhigt über Bewegungen oder Trends, die nach Personen, lebend oder tot, benannt sind, weil diese immer zu Sekten werden. Marxismus ist da ein bekanntes Beispiel, aber wir haben auch in unserer Bewegung Beispiele dafür. Rechtschaffenheit dabei genau so wichtig wie harte Arbeit um sich zu behaupten. Es ist auch unverzichtbar für den Erfolg unserer Ideen. Ich erinnere mich daran, diesen Punkt erst kürzlich einen Freund klargemacht zu haben, der mir das Gegenbeispiel vom Aristotelianismus entgegen setzte, was nicht wirklich eine Sekte ist, also gab ich ihm da recht. Aber Bewegungen, die nach Personen benannt sind, neigen vielmehr dazu, Sekten zu werden.

Was hält Sie am Laufen?

Kaffee.

Das und das Wissen, dass es Menschen da draußen gibt, die das, was jedem Menschen zusteht, ablehnen: Freiheit. Es schmerzt wirklich jedes Mal mein Herz, wenn ich jemandem höre, der geschlagen, erschossen, verhaftet, inhaftiert oder ermordet wurde, nur weil er sein Leben frei leben wollte.

Was ist wichtiger? Ideologische Reinheit oder das Wachsen der Bewegung?

Ich sehe wenig Positives im Bestreben «radikal zu sein der Radikalität wegen».

Irgendjemand kann zu mir sagen: «Ich bin radikaler als Person X!»
Ich sage: «Na und? Bringst du die Freiheit voran oder nicht?»

Ich erinnere mich an eine Person, die mich dafür beschimpfte in einem Punkt nicht mir ihr übereinzustimmen, in welchem sie sich die Rolle des «Radikalen» gab und mich und andere beschuldigte, nicht radikal genug zu sein. Sein Anspruch auf Deutungshoheit war, das er «seit 30 Jahren ein Libertärer» sei. Er hat nie etwas nennenswertes dafür getan, die Freiheit irgendjemandes zu sichern, er war einfach nur ein Libertärer. Große Klasse. Ich bin glücklich mit Menschen zusammen zu arbeiten, die sich engagieren, um Gewalt, Zwang und Unterdrückung zu reduzieren und um den Respekt für Rechte, Gerechtigkeit und Freiheit zu verbessern. Im Allgemeinen gibt es keine Reinheitstests um zu entscheiden, ob die Menschen gut genug dafür sind, um mit mir zu arbeiten.

Abgesehen davon gibt es einen Vorbehalt. Es gibt Philosophien, die sind so abscheulich, dass ich nicht mit ihnen zusammenarbeiten würde, auch wenn sie aus opportunistischen Gründen dieselbe Position wie ich vertreten oder Gegner einer politischen Linie sind, die ich ebenfalls ablehne. Radikale Kollektivisten, insbesondere Rassisten, Gewalt-Befürworter und allgemein jene, die durch Hass und Bosheit motiviert sind, sind keine Verbündeten. Und da gab es Versuche die liberale Bewegung mit solchen Leuten zu infiltrieren. Sie geben sich selbst die Rolle des Verbündeten, weil sie zum Beispiel ebenfalls die Zentralisierung der Europäischen Union oder der amerikanischen Bundesregierung ablehnen. Oder weil sie eine Einschränkung ihrer Freiheit zur Diskriminierung ablehnen, aber nicht die Freiheit des Menschen unterstützen. Es gibt sicherlich liberale Gründe sehr, sehr skeptisch bei Zentralisierung zu sein, aber nicht alle Kritiker der Zentralisierung sind Befürworter der Freiheit. Rassisten, radikale Nationalisten, Antisemiten und andere können sagen, dass sie gegen Zentralisierung sind, aber es ist nicht die Zentralisierung, die sie ablehnen, es ist allein der Gedanke an gleiche Menschenrechte, das Herz des Liberalismus, der ihnen zuwider ist. Es ist wichtig, uns so fern wie möglich von diesem primitivem Hass zu halten. Solche Bewegungen sind in Europa und Nordamerika aktiv und sie versuchen manchmal ihre antiliberalen Absichten mit der Sprache des Liberalismus zu maskieren. Ihr Ziel ist es, andere Bewegungen für ihre eigenen Absichten zu kapern und wir sollten sie damit nicht davonkommen lassen.

Wogegen sollten Liberale nach innen und außen noch wachsam sein?

Ich sprach gerade die Bedrohung an, die von denen ausgeht, die behaupten, sie hätten die selben Beweggründe wie wir, aufgrund ihres Widerstands zu EU oder was auch immer, aber die in Wirklichkeit ganz andere Absichten haben, die unseren zuwiderlaufen. Natürlich gibt es auch noch andere Dinge, bei denen wir achtsam sein sollten. Ein sehr wichtiger Punkt ist, seine eigene Rechtschaffenheit nicht zu verlieren. Das kann bedeuten, dass man sich in der Politik verfängt und nach einer Weile feststellt, das eine Sache funktioniert um ins Amt zu kommen oder im Amt zu bleiben um seiner selbst willen. Es kann bedeuten, schlechte Argumente für gute Anliegen anzuführen, wenn Sie sich der eigenen Position selbst gar nicht so sicher sind, aber Angst davor haben zu sagen, dass Sie sich nicht sicher sind oder nur unzureichend informiert sind, um eine gut formulierte Meinung zu äußern. Es kann bedeuten, nicht die Wahrheit bei einem bestimmten Thema zu sagen, aufgrund der Angst vor Zurückweisung oder nicht in den gewünschten Konsens zu passen. Vielleicht um dann nicht als Homosexueller gebrandmarkt zu werden, weil man sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt oder als Ungläubiger bezeichnet zu werden, weil man sich für die Rechte von Ungläubigen einsetzt. Es kann ebenfalls bedeuten, die am meisten schockierende oder angeblich radikalste Formulierung einer Position zu äußern, nur um zu sehen, wie sehr Sie ein Publikum schockieren kann um zu erwirken, dass jeder ihnen nun maximale Aufmerksamkeit als ein irgendwie amüsanter oder schockierender Verrückter schenkt; in diesem Fall ist es Aufmerksamkeit, nach der sie gieren, weniger Wahrheit oder Gerechtigkeit. In all diesen Fällen bringt man keine klaren Absichten mit gutem Gewissen voran. Die Gefahren für die eigene Rechtschaffenheit sind ausnahmslos in unserem Inneren anzutreffen. Niemand anderes kann sie uns nehmen. Es ist eine Frage der Einstellung, ob man seine Ideale behält oder sie wegwirft.


Fragen: Daniel Fallenstein
Übersetzung: Timotheus Stark
Lektorat: Nils Kottmann

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