Höfer und das Hamsterrad

Vielleicht will der Kapitalismus ja gar nicht, dass wir glücklich sind. Max Höfer kritisierte im Hayek-Club Berlin die Auswüchse dessen, was er das Erbe des Puritanismus nennt.

«Warum schrieb ich dieses Buch?» Der Ökonom und Berater Max A. Höfer beantwortete diese Frage bei seiner Buchvorstellung am 11. März 2014 im Hayek-Club Berlin sofort.

Es sei die Finanzkrise gewesen, die den Glauben an die Lehrbuchweisheiten vom Segen der Deregulierung erschüttert habe. Marktliberale wie die INSM, deren Geschäftsführer Höfer für einige Jahre war, hätten schlicht darauf vertraut, dass bei der Deregulierung der Finanzmärkte alles lehrbuchmäßig funktioniere. Im Nachhinein betrachtet sei dies naiv gewesen. So habe der ehemalige Fed-Präsident Alan Greenspan eingestanden, dass „das gesamte intellektuelle Bauwerk (der Marktwirtschaft) kollabierte“.

Der zweite Grund das Buch zu schreiben, sei sein Frust über die Unzufriedenheit und Unsicherheit der Menschen mit der Marktwirtschaft gewesen. Das System werde als Tretmühle begriffen, ein Hamsterrad, das jeden auffresse wenn man nicht aufpasst. Es sei ein Buch gegen den Zwang zur Daueroptimierung.

Zunächst sei da der wissenschaftliche Befund, dass mehr Wohlstand die Menschen nur unbedeutend glücklicher mache. „Wenn das Lebensglück der Menschen nicht zunimmt, warum sollten sich die Menschen dann den ganzen Stress antun und nach immer mehr Einkommen, Wachstum und Produktivität streben“, fragt Höfer. 

Was ist ein gutes Leben?

Höfer führte weiter aus, „uns ist der Begriff für gutes Leben abhanden gekommen“. Wachstum sei ein Wert an sich geworden und werde agressiv verteidigt. Ob es jetzt 300 oder 330 verschiedene Joghurtsorten, TV-Programme oder Nagellacke gebe, erhöhe  die Zufriedenheit nicht.

Unserem Wirtschaftssystem gelinge es immer weniger, die Vorteile von technischem Fortschritt und Arbeitsproduktivität in glückbringenden Wohlstand umzusetzen.

Damit kam Höfer zu der Frage

Warum kann der Kapitalismus, der viel zu unserem Wohlstand beigetragen hat, nicht genug kriegen und warum muss er alles einer unbedingten Nutzenmaximierung unterziehen?

und zur Antwort

Der Soziologe Max Weber hat vor hundert Jahren die Entstehungsgeschichte des modernen Kapitalismus beschrieben. An seiner Wiege standen die Puritaner. Sie machten aus Menschen, die „von Natur aus einfach leben wollen wie sie zu leben gewohnt sind, und nur so viel erwerben, wie dazu erforderlich ist“, Berufsmenschen, die den Sinn ihres Lebens in der Optimierung ihrer Arbeitsleistung sehen und ihr Leben als ständige Selbstverbesserung begreifen.

Dass der Mensch leben solle, um zu arbeiten und nicht arbeiten, um gut zu leben, sei der Bruch mit dem Ideal eines maßvollen Lebens, wie es in allen großen, global bedeutsamen Kulturtraditionen gepflegt worden sei. „Seither ist Zeit Geld, und wer seine Zeit nicht optimal nutzt, sündigt und bewährt sich nicht.“

Höfers These ist nun, dass wir einer Steigerungslogik auch in der Moral unterliegen. Er nennt “ grüne Sittenpolizei, Compliance, Antidiskriminierung etc.“ als Beispiel. Die Dauerherrschaft des schlechten Gewissens sei „eine Einrichtung zur Verhinderung von Entspannung und Zufriedenheit“.

Die Spaßgesellschaft habe zwar den Sparkapitalismus abgelöst, aber die inhärent genuss- und glücksfeindlichen Mechanismen der puritanischen Kultur boykottieren laut Höfer echtes Wohlbefinden und Entspannung. So sei auch das Glück unter den Zugriff der Machbarkeit geraten. Wer nicht glücklich sei, zeige nur, dass er nicht hart genug an sich arbeite und seine Chancen verspiele.

Der Kapitalismus, an dessen Wiege die Puritaner standen, will nicht, dass wir glücklich sind.

Dass gegen diesen Druck nicht aufbegehrt werde, lastet Höfer dem „Puritaner in uns“ an. Dieser „verhindert die Rebellion, er unterwirft sich der Arbeitsdisziplin, dem Wettlauf um Einzigartigkeit und Selbstinszenierung“.

Die Kultur, die Höfer gegen den von ihm identifizierten Puritanismus ins Feld führt, „fordert keine Kultur des Verzichts, sondern eine Neubestimmung unserer Prioritäten“ hin zu Glücksgütern wie Freunde, Familie, Muße, weg vom Steigerungskonsum und raus aus den Tretmühlen“.

Das Ziel sei ein Leben „mit mehr Selbstbestimmung und Zufriedenheit“.

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