Christlich-säkulares Paradox

Prof. Martin Rhonheimer stellte im Hayek-Club Berlin sein Buch «Christentum und säkularer Staat» vor. Seine These: Ohne das eine geht das andere nicht.

Martin Rhonheimer bekennt nicht nur freimütig, er wolle (wie Goethes großer Ungläubiger Faust) «erkennen, was die Welt im innersten zusammenhält». Der Zürcher lehrt auch an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom Ethik und Philosophie

Am 30. Januar 2014 stellt er im Hayek-Club Berlin sein Buch «Christentum und säkularer Staat» vor. Das Buch sei aus einer Schrift entstanden und habe zunächst «unpublizierbar und unverkäuflich» gegolten.

Nachdem er er Ernst-Wolfgang Böckenförde für das Vorwort gewinnen konnte, gelingt es Martin Rhonheimer das Buch beim Herder-Verlag zu veröffentlichen. Inzwischen ist die dritte Auflage erschienen. «Hans Küng bin ich aber noch nicht», sagt Rhonheimer. Anders als der bekannte Kirchenkritiker könne er «noch nicht von meinen Büchern leben».

Im Titel seines Vortrags präsentiert Martin Rhonheimer bereits die zentrale These vor: «Der freiheitliche Verfassungsstaat: ein Säkularisationsprodukt aus christlichen Wurzeln».

Der moderne Staat ist für Rhonheimer nicht ohne das Christentum denkbar, auch die Aufklärung als wesentlicher Baustein der Moderne sei — nicht nur ex negativo — ein Produkt der christlichen Kulturgeschichte.

Dies zu negieren, ist für Rhonheimer eine grobe Überhöhung der Aufklärung alsintellektuell freischwebendes Phänomen: «Auf jeden Fall ist es Geschichtsblindheit.»

Die Meinung, der moderne Staat sei ein Produkt der Säkularisierung und in diesem Sinne der Abkehr von einer auch Politik und Staatsdenken umfassenden christlich-religiösen Weltdeutung, hält Martin Rhonheimer keineswegs für falsch.

Diese «schon damals nicht ganz neue These» wurde von Ernst-Wolfgang Böckenförde im berühmt gewordenen Böckenförde-Diktum von 1967 verdichtet: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.»

Böckenförde beschreibt nur die Hälfte

So wahr und wichtig diese These sei, enthalte sie, so Martin Rhonheimer weiter, «wie alle Thesen, nur die eine Hälfte der Wahrheit.

Der moderne säkulare Staat sei ganz wesentlich auch aus dem Geist des Christentums selbst und dank der Kirche entstanden: «Nein, der von Böckenförde analysierte Säkularisierungsprozess selbst entspringt einer genuin ‹christlichen Logik› und ist präzis in diesem Sinne ‹christlich›».

Darauf, dass der moderne Säkularisierungsprozess selbst religiöse Wurzeln besitze und «auch das Religiöse in neuer Weise zu sich selbst befreit, hat neuerdings wieder der kanadische Philosoph Charles Taylor hingewiesen».

Daraus entstehe die prekäre Situation des modernen Verfassungsstaates, dass er sich der Emanzipation aus jenem Kontext verdanke, auf dessen geistig-moralischer Grundlage er als säkularer Staat selbst ruhe.

Diesen Satz, der auf die moralische Substanz des Staates bezogen sei, will Martin Rhonheimer eine historische Dimension erweitern. Der moderne Staat der Moderne habe auch geschichtliche Wurzeln, «die er gegenwärtig halten muss, will er als säkularer Staat nicht seine geistig-moralische Lebenskraft verlieren».

Dies erfordert laut Rhonheimer «die Erkenntnis, dass die freiheitssichernde und gemeinwohlfördernde Funktion dieses Staates von geistig-moralischen Prämissen abhängt, die der religiösen Substanz des Christentums entspringen und hier auch heute noch ihren Nährboden haben.»

Daraus schließt er: «Der säkulare Staat braucht das Christentum als Gegenpol.» Die Weltlichkeit und Freiheitlichkeit des modernen Staates seien nur durch das spannungsvolle Gegenüber zum religiösen Bereich des Geistlichen und Sakralen plausibel und gesichert, «das zudem die weltliche Macht des Staates moralisch zu relativieren und in seine Grenzen zu verweisen vermag».

Andernfalls würde die Säkularität des Staates zu einer neuen Totalisierung des Politischen verkommen, die Freiheit gefährde, weil Politiker Gefahr liefen, Politik «mit Heilsverheißungen zu koppeln, die durch menschliches Handeln niemals eingelöst werden können».

Das für den modernen säkularen Verfassungsstaat notwendige und gleichsam natürliche Gegenüber sei aus geschichtlichen und sachlichen Gründen das Christentum bzw. die Kirche. Dies wolle sein Buch verdeutlichen. Die besondere Aktualität des Themas bestehe nicht zuletzt in der kulturellen Herausforderung, des Islam für westlich-europäische Länder.

Gebrochene Beziehung

Martin Rhonheimer argumentiert, dass erst das Christentum selbst ein Gegeneinander des Weltlichen und Geistlichen ermöglicht habe; «Das Christentum hat auf absolut neue Weise, ja zum ersten Mal überhaupt eine klare Unterscheidung und in einem gewissen Sinne auch eine effektive Scheidung von Politik und Religion gebracht.»

Das Christentum behaupte stets «eine Unterordnung des Politischen unter höhere und unabhängige Maßstäbe moralischer Wahrheit, des Naturrechts, der Gerechtigkeit, sowie auch für seine Relativierung im Sinne des eschatologischen Vorbehalts, das heißt der erst endzeitlichen, jenseits der menschlichen Geschichte liegenden Erfüllung aller Heilsverheißungen».

Martin Rhonheimer identifiziert auch ein «christliches Paradox». Das christliche Paradox bestehe darin, dass das Christentum auf der einen Seite von den irdischen Wirklichkeiten behaupte, sie seien in sich gut und vernünftig und deshalb nicht der religiösen Sphäre untergeordnet.

Andererseits sei für das Christentum die Aussage wesentlich, dieselben irdischen Wirklichkeiten bedürften einer höheren Wahrheit und der übernatürlichen, erlösenden Gnade, um ihren eigentlichen Sinn zu verwirklichen. Diese Verknüpfung von von Autonomie der Schöpfungsordnung mit der gleichzeitiger Abhängigkeit auf der Ebene der Heilsordnung sei Hauptgrund für die Komplexität, welche die Beziehungen zwischen «weltlicher» und «geistlicher Gewalt» kennzeichneten.

Dadurch bedinge laut Martin Rhonheimer das Christentum den säkularen demokratischen Verfassungsstaat, und sei Garant seiner Säkularität. Gleichzeitig aber stehe es auch in Spannung zu diesem Staat, dessen Potestas seine moralische Kompetenz Auctoritas relativiert.

Wo diese Spannung nicht gegeben sei, drohe ein Abgleiten in Totalitarismus.

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