Mit Jesus gegen die sozialistische Machtreligion

Ist der Sohn Gottes Sozialist gewesen? Der Ökonom Robert Grözinger meint: Nein, im Gegenteil, die Bibel ist kapitalistisch.

«Jesus, der Kapitalist.» Unter diesem kontroversen Titel referierte der Publizist und Übersetzer Robert Grözinger am 17. Januar 2014 im Hayek-Club-Berlin. Der gelernte Ökonom begann mit der These, wer die Bibel mit ökonomischen Vorkenntnissen lese, komme nicht umhin, festzustellen, «dass die darin enthaltenen Geschichten, Weisheiten, Ratschläge und Grundsätze mit jeglicher Art von Sozialismus völlig inkompatibel ist.»

Robert Grözinger wagte dabei nicht weniger als den Versuch das Christentum in seinen Quellen konsequent anarcho-kapitalistisch auszudeuten. Dabei bezog er sich wesentlich auf Autoren im Umfeld des Ludwig von Mises-Instituts, die in den USA bereits eine Synthese von Anarchokapitalismus und Christentum propagieren. Das Publikum, darunter einige Religionswissenschaftler, diskutierte die Thesen Grözingers im Anschluss fundiert und kontrovers.

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun. Denn das ist das Gesetz und die Propheten (Lukas 6,31).

Die «goldene Regel» zum Beispiel sei als leitendes Prinzip des Christentums ein Beispiel dafür. Ein solcher Grundsatz sei «mit dem modernen Staat nicht kompatibel». Dieser greife massiv in Eigentumsrechte ein, «entweder gestützt auf eine Mehrheit, oder diktatorisch. Einen solchen Eingriff gegen sein „Eigentum“ würde er sich jedoch umgehend und schärfstens verbitten.»

Doch durch Einhaltung der Goldenen Regel erhöhe man die Wahrscheinlichkeit, «dass andere mit uns kooperieren wollen. Dies sei die Grundlage für beständiges Wirtschaftwachstum. Auch Steuern seien nach strenger Auslegung der goldenen Regel unzulässig.

Die Versuchungen Christi im Neuen Testament wertet Robert Grözinger ebenfalls als seine Lesart stützend. Nicht nur die Absage Jesu an die angebotenen Reiche sei eine Machtentsagung ganz im Libertäten Sinne. Auch die Versuchung Steine in Brot zu verwandeln, habe Parallelen zur Kreditexpansion aus dem Nichts durch Zentralbanken; was der Moderator1 im Anschluss als «Keynesianismus ist also Satanismus» ironisierte.

An einigen weiteren Beispielen aus dem Neuen Testament versuchte Robert Grözinger zu zeigen, dass eine kapitalistische Lesart der Bibel sinnvoller sei, als eine sozialistische. Er nannte die Tempelreinigung, das Gleichnis des Kamels und Nadelöhrs, den Zöllner Zachäus und den barmherzige Samariter. Wo immer im neuen Testament auf Reichtum ein Thema sei, sei das Problem nicht der Reichtum selbst, sondern die Voranstellung des Reichtums vor Gott. «Wann immer wir jedoch die göttlichen Gesetze achten, und das heißt in der Quintessenz, Gott in der Wertehierarchie oben stellen und die goldene Regel einhalten, da wird uns versprochen und plausibel dargestellt, dass allgemeines Wachstum und allgemeiner Wohlstand die Folge ist.»

Damit ging Robert Grözinger dazu über, aus diesem kapitalistisch verstandene Christentum die Geschichte seit der Antike zu interpretieren. Es sei die Philosophie auf der Grundlage christlichen Glaubens gewesen, die «über viele Jahrhunderte die geistigen Voraussetzungen für eine blühende Marktwirtschaft» geschaffen habe.

Eine dieser Voraussetzungen sei der Individualismus. Grözinger zitierte den Autoren Rodney Stark2:

Die Idee des freien Willens ist zwar nicht ursprünglich eine christliche, doch für Christen ist sie keine obskure Angelegenheit, sondern das fundamentale Prinzip des Glaubens. Das kann man bis in die Schöpfungsgeschichte zurückverfolgen, wo Gott die Menschen nicht als willenlose Automaten herstellt, sondern als Wesen, die frei darüber entscheiden dürfen, ob sie Gott folgen wollen oder nicht.

Zum Individualismus käme ein dem Christentum inhärenter Fortschrittsglaube auf der Grundlage rationalen Denkens. Rodney Stark führe aus, dass das Judentum und der Islam Religionen seien, die sich hauptsächlich mit der korrekten Praxis des Lebens befassten sowie mit den Gesetzen, die diese regeln. Das Christentum dagegen sei eine Religion, die sich mit der korrekten Meinung über Glaubenslehren, Katechismen und Theologien befasse. Aquin, Augustinus und viele andere Theologen entwickelten laut Robert Grözinger eine rationale Theologie, weil sie in Gott den Inbegriff der Vernunft sahen.

Eine wesentliche Grundlage moderner Markttheorien sei zudem in der Schule von Salamanca im 16. und 17. Jahrhundert gelegt worden, als die Scholastiker dort zum dem Schluß kamen, dass der Preis aller Dinge, einschließlich des Geldes, letztlich von der subjektiven Bewertung der Individuen bestimmt werde; der objektiv gerechte Preis sei daher allein der auf dem freien Markt entstandene.

Daran schloss Robert Grözinger eine Interpretation politischer und religiöser Weltanschauungen mit Rückgriff auf Gary Norths ökonomische Exegese der Bibel an. Von der Klimapolitik bis zum persönlichen Glauben gelte: «Religion ist unvermeidbar.»

Wir alle haben eine Religion. Eine Religion nämlich in dem Sinne, dass wir unser Handeln an etwas binden.

Gary North klassifiziere diese Religion in der Typen:

Es gibt drei grundsätzliche Religionen. Machtreligion, Herrschaftsreligion und Fluchtreligion. Jeder von uns gehört einer dieser Religionen an. Egal ob Muslim, Christ, Buddhist oder Atheist. Welcher Religion wir angehören, ist erkennbar durch unser Verhalten, wenn nicht durch unsere Worte.

Machtreligion sei der Glaube, dass es richtig ist, einigen Menschen unbeschränkte Macht zu übertragen. Der Prototyp dieser Religion sei das System des Pharaos, und seine modernen Entsprechungen seien Stalinismus, Nationalsozialismus «oder dieser kernwaffenbestückte Witzbold in Nordkorea». Auch das Modell der Bundesrepublik, der USA oder der EU beruhe letzten Endes auf die Machtreligion.

Herrschaftsreligion sei dagegen der Glaube, dass ein transzendenter Schöpfergott der letztgültige Eigentümer der Welt sei und nicht nur die physische Materie und die physikalischen Gesetze des Universums geschaffen habe, sondern auch seine moralischen Gesetze. Prototyp dieser Religion sei Moses und das mosaische Recht, moderne annähernde Entsprechungen gebe es derzeit kaum. Es gebe allenfalls Individuen und Kirchen, die danach zu leben versuchten.

Zwischen diesen beiden Religionen herrsche laut North ein ewiger Kampf. Der biblische Prototyp dieses Kampfes sei die Auseinandersetzung zwischen dem Pharao und Moses gewesen.

Die dritte Grundreligion sei die Fluchtreligion. Dieser Glaube akzeptiere weder die Vorgaben eines menschlichen Machthabers noch die eines transzendenten Gottes. Anhänger dieser Religion sähen in der Ausübung autonomer menschlicher Macht eine Falle und eine Illusion, entzögen sich jedoch auch dem Bund der Herrschaft Gottes.

Eine Fluchtreligion werde sich über kurz oder lang immer der aktuell stärkeren der beiden anderen Religionen anschließen. Gegenwärtig dominiere die Machtreligion. Deshalb sehe man immer wieder Kirchenvertreter, die wie ganz selbstverständlich für mehr Staat eintreten: Mehr Regulierung, mehr Steuern, mehr staatliche Umverteilung.

«Und hier erkennen wir vielleicht den Schlüssel zum Verständnis des Niedergangs des Liberalismus», so Robert Grözinger weiter. Der Liberalismus lehne einen starken Staat ab, sei also keine Manifestation der Machtreligion. Und natürlich sei der Liberalismus kein Ausdruck der Herrschaftsreligion. Der moderne Liberalismus gebe sich bewusst areligiös, lehne also die Unterordnung unter einem transzendenten Gott ab.

Es sei nun ein offizieller Liberalismus zu beobachten, der sich von praktisch allen liberalen Prinzipien verabschiede. Daher stelle sich die Frage, ob der moderne Liberalismus eine Fluchtreligion im Sinne Norths sei. Robert Grözinger: «Ich glaube ja.»

Die ungebrochene Anziehungskraft der «sozialistischen Machtreligion» erklärt er mit einem Rückgriff aus
Friedrich A. von Hayeks Aufsatz The Intellectuals and Socialism:

Es ist vor allem der visionäre Charakter der sozialistischen Idee, dem sie ihre Attraktivität für die Jugend verdankt; der Mut, sich solchen utopischen Gedanken hinzugeben ist eine Kraftquelle der Sozialisten, der dem traditionellen Liberalismus leider fehlt.

Hier zeige sich der Grund für den Niedergang des Liberalismus, so Robert Grözinger weiter. Der Liberalismus könne dem visionären Element der Machtreligion nichts wirksames entgegensetzen.

Wenn der Liberalismus weiterhin wie eine Fluchtreligion auftrete, werde er nur selten und für kurze Zeit eine treibende Kraft sein. Langfristig könne ein «Fluchtreligions-Liberalismus» der visionären Kraft des Sozialismus nicht standhalten.

Daher sehe er nur eine Möglichkeit, wie die aktuelle Machtreligion Sozialismus eingedämmt werden könne. Diese bestehe darin, die Fluchtreligion zu verlassen und sich der Herrschaftsreligion anzuschließen.

Aus Sicht des Liberalismus hieße das, die historische Trennung von Liberalismus und Christentum zu überwinden. Robert Grözinger abschließend:

Nur im Rahmen der Herrschaftsreligion, die das Christentum im Kern ist, werden eine ausreichende Zahl von Menschen die geistige Dynamik, mit anderen Worten, die spirituelle Kraft, entwickeln, die nötig ist, um individuelle Freiheit, Fortschritt und Kapitalismus dauerhaft vor den Übergriffen einer irgendwie gearteten Machtreligion zu schützen.


  1. Der Moderator der anschließenden Diskussion ist gleichzeitig Autor dieses Berichts. 
  2. The Victory of Reason – How Christianity led to Freedom, Capitalism and Western Success 

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