Vorwärts und nicht vergessen

Ausgerechnet mit der Solidarität befasste sich Sascha Tamm, Referent am Liberalen Institut, im Hayek-Club Berlin. Der Begriff hat mehr liberalen Gehalt als gedacht.

Der Philosoph und Politikwissenschaftler Sascha Tamm machte am vergangenen Dienstag im Hayek-Club Berlin zehn «Anmerkungen zur Solidarität». Unter diesem Titel setzte Tamm, der als Referent am Liberalen Institut arbeitet, sich mit der gängigen Lesart des Begriffs Solidarität auseinander und bot auch eine explizit liberale Deutung an.

Gleich zu Beginn entschuldigte der Referent, den «etwas kruden Titel». Es sei schwierig, über Solidarität zu sprechen, denn es es gäbe «keine vollkommene Theorie. Das haben viele versucht, aber alle sind gescheitert.» Das Thema beschäftigt Sascha Tamm, seit er vor einigen Jahren eine Broschüre Solidarität und Eigenverantwortung: Konzepte und Balance für die Friedrich Naumann-Stiftung verfasste.

Das Thema rückte für ihn wieder ins Blickfeld, als er im Dezember 2012 in der WDR 5-Sendung Politikum anlässlich des «internationalen Tages der Solidarität» ein Interview gab. «Das Interview wurde gesendet, aber der WDR hat sich nie wieder bei mir gemeldet», resümierte Sascha Tamm, der schon damals die Positionen seines Vortrags vor dem Hayek-Club vertrat. Nach dem Radio-Interview erschien noch ein Beitrag Damms in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, die von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegeben wird.

Die These, die Tamm mit seinem Vortrag untermauern wollte, brachte Sascha Tamm zu Beginn auf den Punkt, dass « sogenannte staatliche Solidarität» solidarisches Verhalten unter Individuen, behindere. Für die begriffliche Schärfe zog er das katholische Soziallexikon heran, in dem Solidarität als «das Zusammengehörigkeitsgefühl, die enge Verbundenheit, die wechselseitige Verantwortlichkeit, in einer Gruppe von Menschen» definiert wird.

Damit kam Sascha Tamm zu seinen Zehn Anmerkungen, die hier – gegebenenfalls mit Ergänzungen – wiedergegeben werden.

  1. «Solidarität ist ursprünglich auf der individuellen Ebene angesiedelt. Nur hier hat sie auch moralischen Wert. Nur hier korreliert sie mit starken Bindungen und individuellen, moralischen Entscheidungen.»
    Hier verwies Sascha Tamm auf die wichtige Rolle der persönlichen Bindung zwischen Empfängern solidarischer Hilfe und den Helfern.
  2. «Solidarität in größeren, freiwilligen Gruppen ist ebenso möglich, nimmt jedoch gewöhnlich nach Intensität und Zurechenbarkeit ab.»
  3. «Solidarität ist nicht im strengen Sinne „uneigennützig“, jede Solidarität hat eine „Becker-Komponente. Man kann sie, wenn man will, auch darauf reduzieren.»
    Sascha Tamm verweist hier auf die Arbeit des Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträgers Gary Becker, der für seine Theorien bekannt ist, fast jedes menschliche Verhalten könne als Nutzenmaximierung interpretiert werden. Tamm akzeptiert, dass diese Sichtweise eingenommen werden könne, das «verliert aber die Moral aus dem Blick»
  4. «Das ändert jedoch nichts daran, dass Solidarität Bindungen stabilisiert und erhält. Man kann auch konsequenzualistisch für die Solidarität argumentieren – das wird oft getan.»
  5. «Dabei erhält man jedoch keine Argumente für staatliche „Solidar“systeme, sondern eines dagegen – mindestens in langfristiger Perspektive. Ich nenne drei Argumente:»
  6. «Argument 1: Vertrauen richtet sich nicht mehr auf Individuen, sondern auf Systeme, auf den Staat. Es wird in gewisser Weise erzwungen. Es kann leicht enttäuscht werden.»
    Dazu schob Sascha Tamm ein: «Dasselbe Prinzip gilt auch für das Geldsystem.»
  7. «Argument 2: Solidarische, individuelle Bindungen werden substituiert oder sogar erschwert.»
  8. «Vor Argument 3 folgt eine Erweiterung des Solidaritätsbegriffes. Lassen wir uns auf Solidarität in größeren Gruppen ein. Lassen wir uns auf Solidarität mit größerer „Becker-Komponente“ ein. in denen gemeinsam Risiken abgesichert werden.»
  9. «Hier existiert die Alternative zwischen staatlichen und privaten Lösungen. Die Unterschiede liegen auf der Hand.»
  10. «Argument 3: Solidarität muss organisiert sein. Die Rahmenbedingungen für Solidarität (im weiteren Sinne) verändern sich. Also müssen sich Organisationsformen anpassen. Dabei sind frei Organisationen überlegen.»

Wo nicht staatliche Fehlplanung sämtliche Bemühungen in eine möglicherweise Flasche Richtung lenke, sei mehr Solidarität für alle möglich, weil mehr Ressourcen für solidarisches Handeln erhalten blieben. Es sei schließlich moralisch geboten, nicht zu verschwenden, gerade bei der Solidarität.

Ein wichtiger Faktor sei, fuhr Sascha Tamm fort, dass «sozialer Wandel» von Politikern immer als Problem gedeutet, also als Gelegenheit, ihre Tätigkeit zu Lasten eigentlicher Solidarität auszuweiten.

Mehr Solidarität sei nur durch weniger staatliche, vorgebliche Solidarität zu erreichen. Ein Kollege habe ihm einmal gesagt, so Sascha Tamm zur Illustration seines Arguments, Solidarität müsse doch organisiert werden. Darauf habe er erwidert «Eben deshalb darf der Staat die Solidarität nicht organisieren»

Sascha Tamm sprach bereits im April im Hayek-Club Berlin. Damals stand sein Vortrag unter dem Titel: «Der Markt entscheidet nichts».

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