Staatenbund, Städtebund, Staat?

Die Hanse entzieht sich modernen politikwissenschaftlichen Definitionen. Im Hayek-Club Berlin brachte Alexander Fink sie dennoch den Zuhörern nahe.

Was macht eine polyzentrische Struktur aus? War die Hanse ein Bund oder ein Staat oder etwas dazwischen? Mit diesen Fragen befasste sich Alexander Fink, Assistenzprofessor am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig, am vergangenen Mittwoch im Hayek-Club Berlin. Fink ist außerdem Senior Fellow der Denkwerkstatt Institute for Research in Economic and Fiscal Issues (IREF), die im Oktober dieses Jahres gemeinsam mit Open Europe Berlin eine Konferenz zur Fiskal- und Transferunion durchführen wird.

Das Polyzentrische Weltbild

Im Rückgriff auf  den von Vincent Ostrom vertretenen Begriff des Polyzentrismus, stellte Fink zu Beginn klar, dass er die Hanse «als polyzentrisches Konstrukt ohne zentrale Entscheidungsinstanz» verstehe.

Poly- und monozentristische Perspektiven trügen entscheidend zum Verständnis des untersuchten Gegenstandes bei, so Fink.

«Der Blickwinkel entscheidet, welche Elemente eines Systems bei der Analyse in Vordergrund treten. Das mag bewusst geschehen, oder unbewusst.»

Der Monozentriker suche «ein zentrales Entscheidungselement, wo der Polyzentriker Prozesse sucht». In der Regel sei eine polyzentrische Analyse besser in der Lage Phänomene zu beschreiben, die in den Worten Friedrich A. von Hayeks zwar «das Ergebnis Menschliches Handeln, aber nicht menschlichen Plans» seien. Fink: «Was einem da einfällt ist der Markt».

Auffällig sei, dass selbst Volkswirte die Märkte als polyzentrische System zu betrachteten, «in der politischen Sphäre  eine monozentrische Position einnehmen und dazu neigen, beobachtete Phänomene den Entscheidungen eines zentralen Elements zuzuordnen». Damit schritt Fink zur Betrachtung der Hanse und warnte das Publikum: «Ich werde keinen chronologischen Überblick über die Hanse offerieren.»

Mit Blick auf die Vielgestaltigkeit der Hanse und ihre Natur, die durch politikwissenschaftliche Begriffe kaum zu fassen ist sagte Fink über die Ära der Hanse von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts: «Die Hanse als Etwas gab es für 500 Jahre.»

Das Kernmerkmal der Hanse sei gewesen,  dass Menschen miteinander Handel trieben. Da die Handelspartner innerhalb der Hanse unterschiedlichen Jurisdiktionen unterstanden sei es entscheidend gewesen, «Reputationskapital» aufzubauen, das andauernde Geschäfte auf Treu und Glauben möglich machte. Verschiedene institutionelle Einbindungen z.B. in Familen, Kompanien und Kontore hätten den Rahmen für die Prozesse geliefert, durch die Streit- und Problemschlichtung ablief.

«Es gab nie eine Mitgliederliste.»

Über die Organisation der Hanse wusste Fink überraschendes zu berichten. So sei die Mitgliedschaft in der Hanse nicht verbindlich geregelt. „Es gab nie eine Mitgliederliste.“ Selbst die Definition der Mitgliedschaft sei zirkulär gewesen. Hansestädte zeichneten sich durch Hansekaufleute aus, Hansekaufleute seien durch ihren Wohnsitz in einer Hansestadt definiert gewesen.

Auch der Hansetag als Plenum der «Ratsendeboten» aller Hansestädte kann für Fink nicht als gemeinsame zentrale Entscheidungsstruktur der Hanse verstanden werden. Dagegen spräche die späte Entstehung und teils unregelmäßige Tagungsfrequenz. Auch seien die gemeinsam gefällten Beschlüsse stets von einer Ratifizierung durch die jeweiligen Hansestädte abhängig gewesen. Keine Steuern, keine Gesetze, nur Ausschlüsse habe der Hansetag beschließen können.

So entziehe sich die Hanse weitgehend politikwissenschaftlichen Definitionen. «Die Hanse hatte kein Territorium», so Fink, «sie befand sich auf dem Territorium anderer, teilweise konkurrierender Entitäten».

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