Der Markt entscheidet nichts

Der Markt ist kein Ding, erst recht keine Person. Was genau «der Markt» dann ist, erklärte Sascha Tamm, Referent am Liberalen Institut, im Hayek-Club Berlin.

Der Gastgeber Professor Gerd Habermann führte den Referenten als einen streitbaren Geist ein, von dem er sich harte Worte „wider den Anthropomorphismus“ erhoffe. Die Darstellung der Märkte als handelnde Akteure wird von konsequenten Liberalen immer wieder kritisiert. Die Kritik am Begriff sollte Sascha Tamm im Verlauf des Abends auf den Punkt bringen.

Es handele sich bei der Darstellung, dass Märkte gewisse Sachverhalte regeln um eine „falsche und gefährliche“ Sprachregelung, erklärte Tamm. Die gut gemeinte Vereinfachung sei inhaltlich und formal „ein Eigentor“.

Status Quo

Liberale stehen üblicherweise vor dem Problem, dass (auch FDP-)Politiker erklären, Energiepreise, Mieten oder Zinsen dürften nicht dem Markt überlassen werden. Immer häufiger ist die Rede davon das Politiker den Markt beschränken oder bändigen wollen.

Liberale und Marktwirtschaftler erwidern darauf, im Gegenteil solle der Markt entscheiden. Dabei führen sie ins Feld, dass es sich beim Markt um ein Informations- und Problemlösungssystem zur effizenten Güterverteilung handele. Damit lassen sich Liberale aber auf einen Streit Markt gegen Staat ein, den Tamm eine „argumentative Falle“ nennt.

Wer den Staat und den Markt als Gegensatzpaar akzeptiert, „schadet dem Ansehen der Freiheit“, so Tamm. Staat und Markt seien aber keine Konkurrenten weil sie Entitäten mit vollkommen unterschiedlichen Eigenschaften seien. Diese Einsicht habe weitgehende Konsequenzen für die Argumentation.

Raum und Rahmen

Wenn Liberale davon sprechen, dass Märkte entscheiden, dann sei eigentlich gemeint: Individuen interagieren in einem Raum unter gemeinsamen Rahmenbedingungen. Märkte seien demnach nicht Entscheidungen fällende Akteure, sondern „Räume, in denen eigenverantwortlich handelnde Menschen handeln, schenken, Verträge schließen“.

Selbst die Vorstellung vom Staat als Akteur sei noch ein stark vereinfachendes Bild. Der Staat sei aber als Ergebnis gleichartig zielgerichteter Gruppeninteressen und -handlungen immer noch als konkret handelnder Akteur denkbar, während ein Markt nur abstrakt zu denken sei. Ein Markt sei nicht das Gesamtergebnis der Handlungen die auf ihm stattfinden, sondern vielmehr ein Konstrukt, um die Gesamtheit dieser Handlungen denken zu können.

Einem Markt fehle das bezeichnende Elemente des Staates, der Zwang, da per liberaler Definition auf einem Markt ohne Zwang agiert werden muss. Im Staat verschafften sich organisierte Parteien Zugang zu Zwangsmitteln, während am Markt dauerhafter Erfolg nur durch gewonnenes Vertrauen bei anderen Marktakteuren entstehe.

Das ist nicht mein Kapitalismus

Wohlgemerkt: Diese Sichtweise setzt voraus, dass jeder Zwang der zwischen Akteuren an einem Marktplatz ausgeübt wird, dazu führt, dass das Handeln automatisch nicht mehr als marktwirtschaftlich zu verstehen wäre.

Anreiz, kein Zwang

„In erster Annäherung ist der Staat ein Akteur mit Zwangsmacht, der zielgerichtet handelt“, so Tamm. Der häufig beschworene Marktzwang sei dagegen nur ein Begriff für „starke Anreize“, denen Marktteilnehmer immer ausweichen könnten, wenn sie den Aufwand dafür in Kauf nehmen. Der Zwang des Staates sei dagegen unausweichlich.

Eine weitere wichtige Unterscheidung sei, dass Märkte als Handlungsrahmen keine Entscheidungen fällen können. Wer Märkte bändigen wolle, schreibe diesen aber Eigenschaften zu, die ihnen fehlen. Politische Eingriffe führten wegen dieses Missverständnisses ständig zu unbeabsichtigten Konsequenzen. Staaten könnten dagegen als handelnde Akteure begriffen werden, wenn die Ergebnisse des politischen Prozess umgesetzt werden.

Tamm dazu: „Staaten können Handeln erzwingen, ohne für die Folgen zu haften.“ Ohne Kenntnis über die Einzelbedürfnisse, die am Markt entstehen, sich verändern, gestillt werden und auch ungestillt bleiben, würden von Staats wegen willkürlich Aggregate gebildet, die man dann zu beeinflussen suche. Wie bei einem Mechanismus glaubten politische Wirtschafts- und Sozial-Ingenieure, sie müssten nur die richtigen Maßnahmen ergreifen, dann könnten sie die politisch gewollten Ergebnisse erzielen. Die Anpassungsreaktionen der Akteure am Markt, eigentlich Nachweise für funktionierende Marktmechanismen, würden als Marktversagen gedeutet. Die negativen Folgen fielen aber nicht auf die verursachenden politischen Akteure zurück.

Wenn politische Eingriffe unterblieben, würden sich erstrebenswerte Ergebnisse einstellen. Diese Ordnung sei menschenfreundlicher, weil die möglichst idealen Verhältnisse nur im freien Austausch, der gewaltlosen Konkurrenz, der freiwilligen Kooperation und der behutsamen Vertrauensbildung entdeckt würden. Sascha Tamm zusammenfassend: „Menschen auf Märkten schaffen stabile Ordnungen.“

Der eigentliche Gegensatz sei also nicht Markt oder Staat, sondern „politischer Zwang oder Einzelentscheidungen“. Es sei die Gegenübersetzung von Markt und Staat als Alternativen zueinander, die die Illusion von der Steuerbarkeit der Märkte erzeuge.

Wider wirre Wirtschafts-Wortwahl

Das Denken in Kategorien wie Markt, BSP, Volkswirtschaft ist eine Verwirrung, die zu Freiheitsfeindlichkeit führt.

Im Anschluss wandte Sascha Tamm sich gegen ein Denken, das mechanistische Denkmuster auf die Menschen am Markt anwendet. Ein Markt sei keine Maschine, die man nur richtig steuern muss.

Aggregate könnten notwendigerweise nur an der Oberfläche komplexester Sachverhalte schürfen. Märkte als Räume für selbstständige Entscheidungen seien durch ökonometrische Kennzahlen völlig ungenügend beschrieben. Deshalb sei die unbestrittene Effizienz der Ressourcenallokation in freien Märkten nicht das beste Argument für diese. Ein viel gewichtigeres Argument sei, dass in die Prozesse auf freien Märkten bei jeder Interaktion die moralischen Werte und Wertungen des Individuums einfließen. Eine Qualität, die durch jeden verzerrenden Eingriff weiter verloren gehe. So seien Märkte die einzigen Räume der Selbstverantwortung für Individuen und jeder politische Markteingriff eine Entmündigung und Verhinderung moralischen Handelns.

Freier Markt = Freie Gesellschaft

Eine freie Gesellschaft unterscheidet sich nicht von einem freien Markt.

Damit spitzte Sascha Tamm seine Staatskritik auf die These zu, gesellschaftliche Entscheidungen fänden nur auf Märkten statt. Im Gegensatz zum Staat über den Interessengruppen Zwang ausübten, gäbe es an Märkten horizontale Kooperation unter formal Gleichen. Das schlagende Argument für freie Märkte sei gerade die Unkenntnis darüber, welche Innovation, welche Vertrauensbildung die freie Interaktion mit sich bringe. Ökonomische Erwägungen wie das Wirken des Preismechanismus seien von allen Aspekten des freien Marktes wohl die unwichtigsten.

Märkte haben keinen Anspruch und kein Ziel. Sie können also nichts entscheiden und deshalb nicht versagen.

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