Das Ideal der Mäßigung

Können Konservative auch Liberale sein. Der Historiker Matthias Oppermann erklärte im Hayek-Club Berlin, wie das in der Vergangenheit funktionierte.

Matthias Oppermann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Potsdam, referierte am vergangenen Donnerstag im Hayek-Club Berlin zum Thema „Das Ideal der Mäßigung – Liberalkonservatismus„. Der Spezialist für Neuere Geschichte beleuchtete das konservative Element des englischen und französischen Liberalismus im frühen 19. Jahrhundert auf hohem akademischem Niveau.

Oppermann, der die über die sogenannten französischen Doktrinäre im Vergleich mit ihren britischen Entsprechungen habilitiert, gestand gleich zu Beginn ein, dass der als Titel gewählte Begriff des Liberalkonservatismus notwendig die Hilfskonstruktion eines Historikers sein müsse. Dennoch sei es seiner Meinung nach angemessen, von konservativem Liberalismus zu sprechen.

Besonnenheit im Wandel

Da Gesellschaften per se einem ständigen unvermeidlichen Wandel unterworfen seien, müssten sich politisch Handelnde stets zum Wandel verhalten. Zwischen dem konservativen Bewahren und dem progressiven Verändern stünde demnach der liberale Ansatz, die unvermeidbare Veränderung zu gestalten. Der konservative Liberalismus zeichne sich hier durch eine große Skepsis gegenüber der Gestaltung selbst aus.

Das Ideal der Mäßigung im politischen Handeln sei älter als der Konservatismus, meint Oppermann und führt es auf den antiken Begriff der Sophrosyne als Tugend der Mäßigung zurück.

Trotz der Ähnlichkeiten zwischen englischem und französischem Liberalismus seien die beiden Strömungen getrennt zu betrachten. Schon unter den französischen Liberalen habe die Ansicht geherrscht, es sei nicht möglich das britische Modell zu übertragen. Im Gegenteil sei nur eine behutsamste Entwicklung einer neuen Ordnung aus dem „Ancien Regime“ heraus wünschenswert. Diese Haltung verstärkte sich unter dem Eindruck der französischen Revolution und ihrer Exzesse. So sei der Bezug auf den Monarchen für die französischen Liberalen wesentlich wichtiger gewesen, als für die englischen.

Der eingehegte Politiker

Für beide Schulen gelte jedoch: Jedes politische Handeln dürfe nur in engen Grenzen erfolgen. Jede Intervention habe schlechte Nebenwirkungen. Daher müssten die Staats-Eingriffe auch auf ein absolutes Minimum beschränkt werden.

Obwohl es aus heutiger Perspektive paradox erscheine, seien die Liberalen beiderseits des Kanals Befürworter einer starken handlungsfähigen Regierung gewesen. Hierbei sollten sich die Politiker stets in Erinnerung rufen, dass sie in einer fehlbaren Ordnung fehlbare Akteure seien; es gäbe keine perfekte Verfassung, erst recht keine perfekten Politiker.

Dementsprechend wagten die konservativen Liberalen Frankreichs und Englands im frühen 19. Jahrhundert keine großen Würfe in ihren Ideen für die Gestaltung einer Gesellschaft. Abstrakte Theorien des erstrebenswerten Systems hätten sie im Gegensatz zu Revolutionären und Reaktionären nicht aufgestellt.

Expedienz mit Prudenz

Edmund Burke, einer der bekanntesten politischen Denker dieser Zeit habe entsprechend häufig „Prudence“, auf Deutsch in etwa Klugheit, im politischen Alltag angemahnt. Mit „Prudence“ sollte entsprechend jedes politische Handeln auf „Expediency“, also Zweckmäßigkeit unter den angeführten Parametern, geprüft werden.

Ein bezeichnendes Element, das die konservativen Liberalen abgrenze, sei ihre bejahende Einstellung zur Religion in der Gesellschaft. Diese sollte nicht geschwächt werden. Auch wenn es einige führende Vertreter des konservativen Liberalismus mit Gleubensangelegenheiten nicht so genau genommen hätten, stellten sie sich dennoch hinter die Religion als stabilisierende Kraft in einer Gesellschaft.

Die Mischverfassung verschiedenartiger, sich gegenseitig ausgleichender Institutionen sei von den konservativen Liberalen stets verteidigt worden. Als ideales Leitbild habe man statt eines Agierens gegeneinander eine Harmonie in der Elite gesehen.

Den Zugang zur politischen Elite habe man je nach Fähigkeit auch Aufsteigern zugestanden. Im Idealbild vieler konservativer Liberaler damals sei Universitäts-Abschluss Voraussetzung für das aktive Wahlrecht gewesen.

Die konservativen Liberalen hätten, so Oppermann, stets im Konflikt nach innen und außen gestanden. Einerseits hätten sie die Errungenschaften des Liberalismus gegen die illiberalen konservativen und progressiven Kräfte verteidigen müssen. Andererseits hätten sie gegen eine progressive Übertreibung des Liberalismus gestanden, da Derivate des Liberalismus in Egalitarismus umschlagen und ihn damit zerstören können.

Die tiefe Überzeugung, dass das Individuum nicht perfektioniert werden könne, und die Skepsis gegen menschliche Gleichmacherei seien letztendlich das Konservative im konservativen Liberalismus gewesen.

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